Klangtheater. Gedanken zu Thomas Pernes
von Hans-Dieter Klein


Das traditionelle Musiktheater, die Oper, war bzw. ist Textvertonung. In seiner Vorrede zu "Erwartung" distanzierte sich Arnold Schönberg von diesem Konzept und formulierte stattdessen das Programm , "mit den Mitteln der Bühne zu musizieren". Dies bedeutet, daß die Elemente des Theaters, also Sprache, Mimik, Gestik, Bewegung, Licht usw. so organisiert sind, daß sie über ihre konventionelle Binnenorganisation hinaus spezifisch musikalisch organisiert sind. Dies ist z.B. dann der Fall, wenn solche nicht primär musikalischen Materialien gemäß der Reihentechnik, also einer spezifisch musikalischen Form genügend, angeordnet werden. In der zeitgenössischen Lyrik und Prosa wurden auch von Dichtern derartige Experimente gemacht. Wenn also die Materialien der Bühne zu einer spezifisch musikalischen Form vereint werden, dann kann man davon sprechen, daß "mit den Mitteln der Bühne musiziert wird". Man ist hier mit einer sehr grundsätzlichen Frage konfrontiert, welche insbesondere in Zusammenhang mit den Darmstädter Experimenten und mit Cage sich radikal gestellt hat: Ist die Frage "Was ist Musik?" von den Materialien her zu beantworten? Wenn ja, dann könnte man Musik definieren als Kunst mit akustischen Materialien. Gerade durch die erwähnten Experimente der Fünfziger- und Sechzigerjahre, aber eben auch schon durch Schönberg, haben wir radikal zur Kenntnis nehmen müssen, daß Musik eben nicht durch die Materialien als solche definiert werden kann. So kann z.B. Musik auch aus Licht oder aus Sprache geformt werden ohne Töne und Geräusche.

Radikale Musik hat dementsprechend seit je, z.B. schon im Falle Beethovens, die polemische Frage provoziert: Ist das noch Musik? Diese Frage läßt sich aber nur beantworten, wenn man eine Antwort weiß auf die allgemeinere Frage: Was ist Musik überhaupt? Immer, wenn es Ernst wird in der Musik, steht diese ganz grundsätzliche Frage erneut zur Diskussion. Während andere die Tradition der Oper, z.B. der Literaturoper, fortsetzen, ist Thomas Pernes mit seinem Klangtheater daran interessiert, Schönbergs Konzept weiter zu entwickeln, d.h. also: "mit den Mitteln der Bühne zu musizieren". Dies geschieht z.B. dadurch, daß die dem Wesen von Klängen immanente Form als Aktion sichtbar gemacht wird. Was auf der Bühne geschieht, ist Veränderung im Raum. Nun ist aber der Klang seinerseits raumerfüllende Kraft: er breitet sich von einem Zentrum aus, er erschüttert nicht nur die Herzen, sondern auch den Boden und bringt allenfalls irgendwo gelagerte Gläser zum Klirren. Im Gestalten der dem Klang immanenten räumlichen Dynamik erweist Pernes diesen selbst als theatralischen Akteur. So erweist sich Musik als in sich selbst immer schon theatralisch, noch bevor sie einem Bühnengeschehen im engeren Sinn unterlegt wird, und umgekehrt kann dadurch die Bühne sich als immer schon musikalisch strukturiert offenbaren. Durch das Aufzeigen dieses Zusammenhangs gelingt es Pernes, "mit den Mitteln der Bühne zu musizieren", ohne dem Bühnengeschehen äußerlich und abstrakt eine der Musik entlehnte Form überstülpen zu müssen.

Es versteht sich von selbst, daß auf diese Weise alle Elemente (Text, Klang, Melodie, Licht, Bewegung) ihre je eigene Dynamik ausschwingen lassen müssen. Sie können daher nicht so, wie es in der Oper geschieht, einer Handlung untergeordnet werden. Es ist daher auch erforderlich, daß alle diese Dynamiken autonom sich vollziehen. Dies schließt z.B. eine lineare Synchronisation von Text, Gesangsmelodie und Begleitung, wie in der Oper die Regel, aus. Die Materialien ordnen sich nicht einer äußeren Einheit unter. Vielmehr ergibt sich eine Einheit aus der Freiheit jedes einzelnen Moments, ein Gedanke, der an Hegel gemahnt, an Hegel, der mit einigen Textfragmenten als "Kolibrettist" herangezogen wird, wenn man dies in verfremdender Terminologie so sagen darf. Diese nicht äußere, sondern aus der Eigendynamik der Teile sich frei spontan selbsterzeugende Einheit schließt auch das aus, was man Stil nennt. Thomas Pernes lehnt Stil ab und befindet sich auch da wieder in Übereinstimmung mit Schönberg: in seinem Aufsatz "Stil und Gedanke" betont Schönberg bekanntlich, daß die Einheit des Kunstwerks nicht durch einen Willen zum Stil angestrebt werden, sondern aus dem Gedanken, der sich die ihm angemessene Gestalt gibt, von selbst entstehen soll.

Die Unmöglichkeit, künstlerische Wahrhaftigkeit und Willen zum Stil miteinander zu vereinen, führt Thomas Pernes dazu, aus dem Mainstream der avantgardistischen Musik dort auszuscheren, wo diese beginnt, einen eigenen Stil zu kultivieren, wodurch sie im Grunde genommen ihre eigenen Prinzipien desavouiert. In diesem Sinn hat der Komponist im Klangtheater, aber auch in anderen Werken, immer wieder versucht, von anderen Ansätzen her, z.B. Jazz oder Zitaten traditioneller Gesten, den Geist der Neuen Musik wieder herzustellen, indem er der Eigendynamik dieser Ansätze folgt. So ist die Streichquartettmusik "Diese zerbrochene Zeit" aufs erste Hören hin Schubert täuschend ähnlich. Näheres Hinhören erkennt, und eine Analyse könnte dies rekonstruieren, daß diese Musik z.B. in der Harmonik einer ganz anderen Eigengesetzlichkeit folgt, als die Musik Schuberts. Wenn Thomas Pernes davon spricht, daß das Klangtheater Abbild der Wirklichkeit, Abdruck ist, so darf man dabei nicht nur oberflächlich daran denken, daß Alltägliches, z.B. Geräusche, Gesprächsfetzen, Gedanken, Zitate u.s.w. in die Gebilde hineinmontiert werden, sondern vor allem ist es diese aus dem Disparaten und Divergenten und dessen Eigenbewegung paradoxerweise doch entstehende Einheit, welche in ihrer dialektischen Struktur der Wirklichkeit entspricht. Wie Hegel von der Wirklichkeit, vom Wahren sagt, ist auch das Klangtheater "der bacchantische Taumel, an dem kein Glied nicht trunken ist". - Hans-Dieter Klein, Dr. phil.